Iris Andraschek

Where to draw the Line

 

Christa Benzer in springerin 2/2013 über die Ausstellung im Salzburger Kunstverein

07.02.13-14.04.13

 

Salzburg. Wenn man über die Arbeit von Iris Andraschek nachdenkt, kommt man um den Begriff der Öffentlichkeit nicht herum. Und zwar auch dann nicht, wenn sie in einer Institution wie dem Salzburger Kunstverein ausstellt und sich dort mit keiner einzigen Arbeit auf die Stadt selbst bezieht. 

Trotz zahlreicher Projekte im öffentlichen Raum ist ihre Arbeit mit dem Label KöR aber ohnehin nur unzureichend beschrieben. Schließlich scheint das Nachdenken und Miteinbeziehen verschiedenster Öffentlichkeiten eben nicht nur temporär und projektbezogen, sondern vielmehr ganz grundsätzlich ein Teil ihrer künstlerischen Praxis zu sein. Dass bei ihr anstelle eines interventionistischen Zugangs Kontinuität und Prozesshaftigkeit stehen, wird auch in ihrer Ausstellung Where to draw the Line deutlich: Da ist zum einen eine gitterartige Bilderwand, mit der sie sich formal auf die gemeinsam mit Hubert Lobnig realisierte Arbeit Wohin verschwinden die Grenzen? (2009–2012) bezieht; da ist aber auch eine ganze Reihe „alter“ Bekannter, die man im Rahmen ihrer Präsentationen immer mal wieder sieht. Es handelt sich dabei um Porträts von Personen, die RepräsentantInnen „alternativer“ Gemeinschaften sind: Dazu gehört ein kanadisches Aussteigerkollektiv genauso wie junge Hofbauern im Waldviertel, die BesucherInnen einer Tattoo-Messe oder eben auch die Bilder jener sehr jungen, betrunkenen Frauen, die die Künstlerin auf einer Internetseite gefunden hat. 30 Reasons a Girl Should Call It a Night (2013) titelt die Serie mit Bezug auf die mittlerweile geschlossene Seite, die ein wichtiger Teil des extremen, weiblichen Initiationsritus war. In der Ausstellung werden die Schnappschüsse der überwiegend bewusstlosen, mit Penissen und obszönen Sprüchen beschriebenen Frauen der „Öffentlichkeit“ jedoch nicht frontal präsentiert. Mit einer Art Posterfächer lässt die Künstlerin die BetrachterInnen vielmehr insofern über deren erneute Veröffentlichung reflektieren, als dass sie den „Zugriff“ damit auf eine/n, im Ausstellungsraum auch nicht anonyme/n BetrachterIn einschränkt.

Hinzu kommt, dass die gefundenen Bilder im Grunde nur Ausgangspunkt für eine tiefer gehende Beschäftigung mit dem Phänomen sind. Das zeigen in der Ausstellung eine Reihe von Zeichnungen und eine Serie von Fotografien, von denen sie für die insgesamt sehr reduzierte Salzburger Präsentation jeweils drei ausgewählt hat: Dem Medium sehr schön entsprechend geben ihre Zeichnungen aus der Serie 30 Reasons a Girl Should Call It a Night (2011) jenen Prozess wieder, in dem die Künstlerin ihre eigenen Gedanken sortierte. Davon zeugt die Fragilität der abgezeichneten Körper genauso wie deren Fragmentiertheit, die Übermalungen, aber auch die von den Internetbildern übernommenen Sprüche, die bruchstückhaft wiedergegeben hier kaum noch entzifferbar sind.

Die Fotoserie Where to draw the Line (2012) ist wiederum in Auseinandersetzung mit zwei jungen Frauen entstanden, die sich dem Thema performativ annäherten: Auch ihre zumeist halbnackten Körper wurden in einer Fotosession mit Farbe und Sprüchen beschmiert; von den Internetbildern unterscheiden sie sich aber entschieden. Erstens wurde die für die Internetöffentlichkeit so wichtige Widererkennbarkeit untergraben, weil ihre Gesichter unkenntlich sind, und zweitens hebt sich deren Beschäftigung mit der Thematik selbstbestimmt von den Internetbildern ab: „... and get what you want. Life is messed up. I’ve been through more shit than you see on TV ...“, steht auf dem Schenkel einer der Frauen, die das Blumenmuster ihrer Unterhose als eine sehr jung ausweist.

Andrascheks Faible für das Reale1 dringt hier ebenso durch wie ihr Interesse für Gratwanderungen: Where to draw the Line ist damit auch eine selbstreflexive, für ihre Arbeit offenbar durchwegs programmatische Frage, die nicht nur die Fotografien der jungen Mädchen, sondern auch die anderen, von ihr immer wieder porträtierten Communitys betrifft. In Bezug auf die Serie mit den Mädchen hat die Künstlerin den Ausstellungstitel aber noch weiter gefasst: In dem die Ausstellung begleitenden Text führt sie auch das Phänomen des „Dermographismus“, der Hautschrift oder Hautzeichnung ein, die man im 19. Jahrhundert auch in Zusammenhang mit weiblicher Hysterie brachte. Damit bettet die Künstlerin den Akt der Beschriftung zwar in eine geschlechtsspezifische Historie ein, die von einem Gewaltverhältnis erzählt; ihr Zugang zu den Internetbildern bleibt jedoch insofern vielschichtig und ambivalent, als dass Andraschek das emanzipatorische Potenzial des die Grenzen mädchenhaften Verhaltens sprengenden Trinkrituals nicht verdrängt, sondern neben den Verweisen auf die männliche Einflussnahme (wie der Beschriftung der Körper, Veröffentlichung, aber auch Schließung der Internetseite) durchaus bestehen lässt. 

In Salzburg wurde die Geschichte der Bilder interessanterweise noch insofern weitergeschrieben, als dass das im öffentlichen Raum affichierte Plakat (es zeigt eine der jungen Frauen aus der Serie Where to Draw the Line angeblich ein Stein des Anstoßes war.

Andraschek hat ihre Arbeit an solche Interventionen vonseiten der Öffentlichkeit aber längst angepasst. Darauf verweisen im Salzburger Kunstverein auch vier Installationen, die auf Schablonen und Konstruktionsteilen früherer, unter anderem in Wien realisierter Projekte basieren. Tell These People who I Am war eines davon und galt der Erinnerung an das Leben und Wirken von drei bedeutenden, leider vergessenen Wiener Frauenpersönlichkeiten. Mittlerweile sind die Lebensgeschichten von Olly Schwarz (Frauenrechtsaktivistin), Gisela von Camesina de San Vittore (Pädagogin) und Vally Wieselthier (Keramikerin, Bildhauerin und Designerin) aber insofern wieder in die Geschichte der Stadt eingeschrieben, als dass Iris Andraschek diese in Teppichmustern „verwebte“ und mit den in Salzburg gezeigten Schablonen in Gehsteige eingefräst hat. 

 

1 Siehe auch: Iris Andraschek, Passion of the Real – das Buch erschien im Schlebrügge Verlag anlässlich ihrer gleichnamigen Ausstellung im Atelierhaus der Akademie der bildenden Künste in Wien im Rahmen der Ausstellungsserie Georg Folian zeigt (2012).